Reiterfest 10.09.2017

“Wenn da Engel reiten, da kann es Fortuna nur gut mit uns meinen”, so ein überglücklicher Vorstand vom Reitclub am Kulm. So kam es dann auch, dass am Sonntag das 42. Reiterfest unter einem guten Stern stehen sollte. Dies umso mehr, als sich die Vorführungen als Programmpunkte der Extraklasse erweisen sollten.

Nach dem Motto “die Hoffnung stirbt zuletzt” hatten rund 60 Akteure und 30 Funktionäre am Samstag sogar bei Dauerregen die Generalprobe im Freien absolviert. Noch am Sonntagmorgen mußten dicke Wassertropfen von den nassen Biertischgarnituren gewischt werden, als dann Punkt 11 Uhr der Wolkenhimmel aufriß und Petrus dem Reitevent des Jahres einen teils sogar sonnigen Nachmittag bescherte. So manches Stoßgebet gen Himmel half dann auch, dass zwischenzeitlich nochmals am Horizont auftauchende dunkle Wolken dann doch einen guten Bogen um den Hof machten.

Natürlich auch zur Freude des großen Publikums, das sich rund um den Reitparcour auf das Gelände des RCK das annähernd fünfstündige Marathonprogramm nicht entgehen lassen wollte. Westernnummer und Rainbow Dream, Damen-, Jugend- und Springquadrille, Mächtigkeitsspringen und Gelassenheitstraining, Voltigierakrobatik und Kinderreitstunde, Dressur-Solo und Shakira- und Garrocha-Duett – fünf Stunden lang reihte sich ein Highlight der Extraklasse nach dem anderen aneinander und fesselte die Zuschauer an den Banden. Da war die Pause eine willkommene Gelegenheit, sich an dem reichhaltigen Kuchen- und Kaffeeangebot im neu gebauten Sonnentempel zu bedienen. Denn keiner wollte auch nur ansatzweise etwas von dem bunten und abwechslungsreichen, mit faszinierender Musik hinterlegten Auftritten aller Alters- und Leistungsgruppen versäumen. Für die ganz Kleinen war in den Pausen Ponyführen und Basteln angesagt. Tolle Preise gab es bei der Tombola zu gewinnen.

Traditionsgemäß wurde der Nachmittag mit der Standarte des Reitvereins und von Vorsitzender Renate Schupfner eröffnet. Ein Novum war bereits hier, dass erstmals die beiden Gast-Western-Reiterinnen Lisa Burucker und Lea Wiesend auf ihren Pferden Lucky und Luke den Auftakt im Dressurviereck ritten. Das Einreiten der Vereins-und Reitschulpferde mit klassischen Hufschlagfiguren und verschiedene Richtungswechsel durch Reitschülerinnen und Vereinsmitgliedern gab schon mal einen Vorgeschmack, auf was sich Publikum freuen durfte.

Ein echter Reitgenuss war dann bereits die “Schwere Dressurkür” von Pferdewirtschaftsmeisterin und Pferdetrainerin Brigitte Witt auf ihrem 13-jährigen Oldenburger Wallach Ravallo. Die gebürtige Landshuterin kann auf fast 20 Jahre Erfahrung als Ausbilderin von Pferden zurückblicken und reitet selbst erfolgreich Turniere der hohen Klassen.

Eine beeindruckende Symbiose aus professionellem Reiten, Outfit und Show wurde geboten bei der Westernreitnummer. Mit ihrem Trail präsentierten Lisa Burucker auf Lucky und Lea Wiesend auf Luke bestens die Philosophie der Westernreitweise: Mache dem Pferd das Falsche schwer und das Richtige leicht. Ein gut ausgebildetes Westernpferd wird einhändig geritten und reagiert auf leichten Schenkeldruck. Das ist nicht nur schick, sondern auch praktisch, da die Cowboys bei der Arbeit eine freie Hand brauchten. Die 27 jährige Lisa Burucker hat mit 18 die Liebe zum Westrernreiten entdeckt, ihren 13jährigen Quarter-Horse-Wallach Luke selbst eingeritten und ist seit zehn Jahren mit ihm unzertrennlich. Die 16-jährige Lea Wiesend reitet seit fünf Jahren mit dem achtjährigen Luke. Auf dem typischen Westernsattel mit einprägsamen Horn und mit Westernhut zeigte das Quartett eine Performance ihrer öffentlichen Westernturniere. Es brillierte an diesem Nachmittag mit ihrer geschickten Feinabstimmung zwischen Reiter und Pferd. Da wurden Rampen überquert, mit Fahnen geritten, durch Stangen auch rückwärts gegangen, mit dem Ball gespielt. Gleichsam als , das Pferd stellt sich mit den Vorderbeinen auf eine Tonne, die Reiterin stellt sich auf den Rücken des Pferdes.

Fränkische Meister und Bayerische Vizemeister im Gruppen- und Einzelvoltigieren waren mit Lea Zapf, 16 Jahre und Tina Beeg 22 Jahre sowie Silja Beeg mit der Trakehner Stute Shakira an der Longe beim Programmpunkt ” Shakira-Team” zu Gast. 2016 hatten sie auf dem RCK-Fest ihr Debüt gegeben. Für Lea war es gleichsam ein Heimspiel, hat sie doch das Voltigieren mit fünf Jahren beim RCK in Guttenthau auf dem Schulpferd Rubin begonnen. Fast noch professioneller konnten dieses Mal die Zuschauer erleben, dass Voltigieren zu den anspruchsvollen Leistungssportarten gehört, das den Sportler ganzheitlich in Bezug auf Gleichgewicht, Kraft, Körperspannung, Beweglichkeit, Kondition, Rhythmusgefühl, Vertrauen, Mut und Kreativität fordert.

Das Herz reiterlicher Choreographie höher schlagen ließ das Schimmel-Pas-de-deux “Rainbow Dreams”. Auf den ansonsten in ganz weiß gehaltenen Reiterinnen und Pferde präsentierten Christina Neubing auf dem 13jährigen Oldenburger Samson und Stefanie Schuller mit dem 19 jährigen Andalusier Descarado einen echten Genuß an Farbenzauber an den Behängen der Pferde.

In die zauberhafte Welt der Feen entführte das Publikum die Jugendquadrille unter Leitung von Joane Pliefke und geritten von Alisa Edl auf Nikita, Hannah Pittner auf Stella, Talis Ullmann auf Hoppy, Anna Leypold auf Fleckerl, Lucy Gebhard auf Primel, Corinna Böll auf Cäsar, Nathalie Zwickel auf Daria und Annalena Schmitt auf Ronja. In die zauberhafte Welt der Bienen- und Marienkäfer tauchten unter Leitung Vanessa Ströhleins die Gruppe der Springquadrille ein. In einer Augenweide an hübschen Kostüme zogen die 15- bis 17-jährigen Reiterinnen Janne Junkawitsch auf La Mira, Rebecca Danzer auf Boy, Laura Riedel auf Stella, Angela Raps auf Daria, Sina Scherl auf Primel, Antonia Preiß auf Fleckerl ihre Kreise. Dass auch Rock’n Roll zu Musik aus den 50ern als Thema auf dem Pferderücken möglich ist, zeigten bei der Damenquadrille unter Leitung Vanessa Ströhleins Christina Neubing, Sarah Deubzer, Sabrina Haffner, Julia Zeitler, Katrin Rauch, Eva-Maria Emmering, Anna-Lena Kleinhempel, Silke Hertel.

Mit akrobatischen Kunststücken präsentierte sich die Voltigiergruppe des RCK auf Stute Hoppy. Unter Leitung von Renate Schupfner und Julia Zeitler hatten die fünf- bis zwölfjährigen Kinder Anna Kaufmann, Jasmin Seidel, Elisa Will, Dorothee Hasel, Lilly Weilacher, Mila Hasel, Emilia Müller und Sofia Kaufmann Einzelfiguren wie die Fahne, Standwaage, Stützschwung und Stehen sowie Doppelfiguren wie Schultersitz oder Doppel-Prinzensitz eingeübt.

Eine von den vielen Stars des Tages waren die kleinen Reiterfreunde. Einmal bei der Steckenpferdequadrille, wo sie bei eine S-Dressur auf den „eigenen Hufen“ zeigten, dass auch die kleinsten Reiter schon genau wissen, wo es einmal hingehen soll. Zum anderen die “Schlümpfe” der Kinderreitstunde. Eine Schlumpfenparty mit einer munteren Schlumpfenbande feierten die Betreuerinnen Silke Hertel und Christina Neubing mit ihren Helferinnen Angela Raps, Sabrina Haffner, Rebecca Danzer und Janne Junkawitsch in der Kinderreitstunde.

Um „Mensch gegen Reiter – wer springt höher“ ging es beim Mächtigkeitsspringen unter Leitung von Vanessa Ströhlein. “So etwas hatten wir noch nie”, berichtete eine sichtlich begeisterte Elisabeth Junkawitsch am Rande. Und die Premiere sollte gelingen. Die sechs jugendlichen „Hochspringerinnen“ Laura Riedel, Nathalie Zwickel, Sena Scherl, Eva-Maria Emmerig, Nico Weilacher und Benedikt Schieder traten zum gegen die Reiterinnen Karin Trice auf Crimi, Anna Leypold auf Cäsar, Mirjam Kahl auf Hoppy, Leonie Weilacher auf Wilma, Janne Junkawitsch auf Penny und Rebecca Danzer auf Boy an. Es war mächtig spannend. Jeder nahm die gleiche Höhe – wer riß, der flog. Am Ende waren nur noch der Springer Nico Weilacher und die Amazone Janne Junkawitsch auf der Stute Penny im Spiel. Von Sprung zu Sprung wurde die Latte höher gelegt, bis auf beachtliche 1,20 Meter. Hier setzte sich dann die grüne Elfe Janne gegen ihren sportlichen Gegner Nico durch.

Beim “Garrocha-Tanz” waren Tanja und Peter Streller aus Veitlahm, zwei hervorragende Garrocha-Reiter zu Gast. Garrocha ist ein fünf bis sieben Zentimeter dicker und etwa drei Meter langer Holzstab. In Spanien und Portugal wird er traditionell zum Treiben und Selektieren von Rindern und Stieren genutzt. Um ihnen im rasanten Trieb folgen zu können, müssen die Hirten mit ihren Pferden öfter sehr enge Wendungen teils auch unter der Garrocha hindurch bewältigen. Das Training dazu wird ohne Rinder und Stiere abgehalten und wirkt daher eher fast wie ein “Tanz” mit der Garrocha. Diesen Tanz zeigten beide in beeindruckender Weise, im zweiten Teil sogar mit Feuer an den Stangen.

Gelassenheit und Pferd – zwei Welten? Mitnichten, so Tierärztin Judith Bergler, “denn nur ein gelassenes Pferd ist auch ein Pferd, das nicht zur Gefahr für den Reiter wird”. So manchem wollte sich zunächst gar nicht erschließen, was sich hinter dem Programmpunkt “Gelassenheitstraining” verbergen konnte. Umso mehr staunten die Zuschauer dann nicht schlecht, als sie vorgeführt bekamen, wie die Tugend der Gelassenheit mit der ansonsten rasanten Pferdewelt zusammengeht. In einer einzigartigen Performance gewährte die passionierte Reiterin Bergler mit ihrer Stute Morena anhand von Platikplane, Regenschirm, Flatterband, Schwimmnudel und Luftpolsterfolie den Zuschauern einen Einblick in ihre Arbeit der Gelassenheit. Hierbei lernt das Pferd, ohne Angst auf Gegenstände zu treten, sich mit Kunststoffdecken zudecken zu lassen, Regenschirme nicht als Gefahr zu sehen und zum Beispiel Knisterfolie zu zertreten ohne ängstlich zu reagieren. Wie gesagt: Nur ein gelassenes Pferd ist auch ein Pferd, das nicht zur Gefahr für den Reiter wird. Judith Bergler ist schon 20 Jahre sattelerfahren. Die Stute Morena ist eine sogenannte „Pura Raza Espagnola-Stute“ (PRE, zu deutsch : spanisches Pferd). Diese sind Spätentwickler und werden also erst mit fünf Jahren angeritten. Zum wöchentlichen Dressurtraining kommt das Gelassenheitstraining, spielerisch, ohne Gewalt oder Druck einmal in der Woche. Durch Gewöhnung an vermeintliche Gefahren lernt das Pferd, gelassen zu reagieren. Durch entsprechende Übungen kann der Fluchtinstinkt des Pferdes kontrolliert werden. Pferde reagieren dabei völlig verschieden: manchen machen eher optische Reize (Regenschirme) Angst, andere bekommen auf beunruhigenden Untergründen Angst. Auch bei Polizeipferden wird das Gelassenheitstraining trainiert, weiß Junkawitsch. Im Breitensport gibt es sogar diesbezügliche Wettbewerbe.